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Allgemeine News (Archiv)

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Perspektiven
Zahl der 'selbstständigen Aufstocker' rapide gestiegen 

Die Zahl der "selbstständigen Aufstocker" – also Menschen, die zur gleichen Zeit Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit erwirtschaften und Arbeitslosengeld II beziehen – ist in Deutschland zwischen 2007 und 2010 von 72.000 auf 127.000 gestiegen und liegt damit bei 9,4 Prozent aller Alg-II-Bezieher. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung am 3. Dezember veröffentlicht hat.


Wenn es denn ein besonderes Risikoprofil gibt, dann heißt das: männlich, ostdeutsch, Kind. Die Hälfte aller selbstständigen Aufstocker in Deutschland sind alleinstehende Männer oder Männer in Paar-Haushalten mit Kindern. Ihr Anteil an allen Selbstständigen liegt in Ostdeutschland mit 6,4 Prozent dreimal so hoch wie im Westen (2,0 Prozent). Insgesamt sind 61 Prozent in dieser Gruppe Männer, 43 Prozent leben mit eigenen Kindern zusammen.

Das "Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung" (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat in seiner Studie "Selbstständige in der Grundsicherung – viel Arbeit für wenig Geld" eine Menge Zahlen ermittelt: 80 Prozent der selbstständigen Aufstocker sind Deutsche, 22 Prozent haben einen Hochschulabschluss, 64 Prozent haben die Hochschulreife oder die mittlere Reife. Zwei Prozent erzielen ein Einkommen (Gewinn) aus selbstständiger Tätigkeit von über 1.000 € im Monat (und müssen dennoch aufstocken, um ihre Familie ernähren zu können), ein Drittel verdient maximal 100 €, zwei Drittel erreichen nicht die Minijob-Grenze von 400 € im Monat. 76 Prozent arbeiten als Soloselbstständige; immerhin neun Prozent beschäftigen mehrere (mindestens zwei) Mitarbeiter. 30 Prozent arbeiten maximal 20 Stunden pro Woche, 42 Prozent arbeiten regelmäßig über 40 Stunden; 63 Prozent kommen auf Stundenverdienste von weniger als fünf Euro. Ein (steigender) Anteil von 24 Prozent bezieht bereits seit zwei oder mehr Jahren Arbeitslosengeld II. Als Berufe besonders häufig vertreten sind Verkäuferinnen, Gaststätten- oder Imbissbesitzer, Friseurinnen und Kosmetikerinnen, Künstler und freiberufliche Lehrkräfte.

Es sind Zahlen, die sehr unterschiedliche Interpretationen zulassen und vor allem eines deutlich machen: Den selbstständigen Aufstocker – und damit auch die Problemlösung – gibt es nicht (wenn es denn überhaupt ein Problem gibt). Es handelt sich hierbei vielmehr um eine sehr heterogene Gruppe. In ihr hat das IAB vor allem vier Prototypen ausgemacht, deren Charakteristika ganz verschiedene Lösungsansätze erfordern:
  • Zum einen sind darunter Selbstständige (ca. 25 Prozent), die mit sehr hohem Arbeitseinsatz ein Nettoeinkommen in der Größenordnung von 1.000 € im Monat verdienen, das aber für die Familie nicht ausreicht. Für sie besteht nach Auffassung des IAB durchaus ein Anreiz, im Alg-II-Bezug zu bleiben, da schon ein geringfügiges Überschreiten der entsprechenden Einkommensgrenze zur Folge hätte, dass sie für die ganze Familie private Krankenversicherungen abschließen müssten, was unter dem Strich trotz höheren Bruttogewinns zu einem niedrigeren Nettoeinkommen führen würde.
  • Bei einer zweiten Gruppe, die etwa 17 Prozent ausmacht, steckt das im Grunde etablierte Unternehmen in einer Krise und wirft – eventuell nur vorübergehend – nicht mehr genug ab. Hier handelt es sich häufig um Selbstständige, die schon sehr lange im Geschäft sind und ihrerseits Arbeitnehmer beschäftigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren würden, wenn die Arbeitsagentur nach dem billigen Rezept "Wir können nicht dauerhaft zum Scheitern verurteilte Geschäftsmodelle finanzieren" darauf bestehen würde, dass sie ihre Selbstständigkeit aufgeben.
  • Bei der mit fast 40 Prozent größten Gruppe handelt es sich um Leute, die sich erst vor nicht allzu langer Zeit selbstständig gemacht und mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen haben und deshalb auch (noch) nicht nach einem Arbeitsplatz als abhängig Beschäftigte suchen. Bei ihnen sieht das IAB am ehesten Handlungs- und Einsparmöglichkeiten, zumal es sich meist um hoch qualifizierte Leute handelt, die relativ einfach in eine Beschäftigung zu vermitteln sein müssten.
  • Für die vierte vom IAB identifizierte Gruppe (25 Prozent) ist die Bezeichnung "selbstständige Aufstocker" eigentlich falsch, da es sich bei ihnen eher um Bedürftige mit Hinzuverdienst aus selbstständiger Tätigkeit handelt. Leute also, die vorübergehend auf Hartz IV angewiesen sind und ihre Lage durch selbstständige Tätigkeiten von geringem Umfang zu verbessern suchen. Bei dieser Gruppe dauert es nach Überzeugung des IAB in der Regel niemals lange, bis sie aus irgendeiner Erwerbstätigkeit genug zum Leben verdienen.
Unter dem Strich macht die IAB-Studie deutlich, dass das Thema "Hartz IV für Selbstständige" weder zur Skandalisierung taugt noch dazu, den Betroffenen ein schlechtes Gewissen zu machen. Der enorme Anstieg der Zahlen zwischen 2007 und 2010 sei, so das IAB, wohl vor allem darauf zurückzuführen, dass die Statistik im Laufe dieser Zeit verstärkt geringe, nicht anrechenbaren Einkünfte von weniger als 100 € im Monat erfasst habe. Inzwischen sei dieser Anstieg zum Stillstand gekommen.

(04.12.2012)

Verweise zu diesem Artikel:
Pressemitteilung des IAB vom 3.12.2012
Kurzbericht "Selbstständige in der Grundsicherung – viel Arbeit für wenig Geld"
Der mediafon-Ratgeber zum Thema "Selbstständig und Arbeitslosengeld II"

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