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Steuer-News (Archiv)

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Der alltägliche Wahnsinn
'Kreativraum' ist kein häusliches Arbeitszimmer 

Ein 'Kreativraum', in dem ein Musiker Ideen entwickelt und Arrangements plant, gilt nicht als 'häusliches Arbeitszimmer'; seine Kosten können folglich in voller Höhe als Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Die Beschränkung auf 1.250 € pro Jahr gilt hier nicht. Das besagt ein Urteil des Finanzgerichts Niedersachsen vom 31.5.2012, das inzwischen rechtskräftig geworden ist.


Der Job als selbstständiger Musiker, Arrangeur und Produzent braucht Raum. Genauer gesagt: Räume. Einer, der diesem Job nachging, unterhielt dazu in seinem Einfamilienhaus ein komplett ausgestattetes Tonstudio, ein Büro und einen Archivraum, die er natürlich von der Steuer absetzte. In einem weiteren Haus auf dem Land, das er ebenfalls privat nutzte, hatte er sich zusätzlich einen Arbeitsraum eingerichtet, den er "Kreativraum" nannte: 82,5 Quadratmeter groß, mit separatem Eingang, ausgestattet mit 25 – 30 Sitzgelegenheiten, einem "mit schwarzem Leder bezogenen Bürostuhl", Klavier, Keyboard und Laptop. Hier fand er Ruhe für seine kreative Arbeit, traf sich mit anderen Musikerinnen und Musikern sowie mit Produzenten und Leuten von Plattenfirmen, um gemeinsame Projekte zu entwickeln, wozu das enge und mit technischen Geräten voll gestellte Tonstudio nicht ausreichte. Also ein Betriebsraum, dessen Kosten natürlich Betriebskosten sind. Dachte er jedenfalls.

Nicht so das Finanzamt: Das schaute sich den Raum an, ließ sich eine Aufstellung geben, wann er den Raum mit wem, wie lange und wozu genutzt habe (74 Tage im Jahr 2008 jeweils für bis zu neun Stunden und mehr, häufig mit mehreren Personen zu "Produktions- und Arrangements-Besprechungen, 'Brainstorming', GEMA-Aufnahmen, Song-Auswahl, Vocal coaching, Kompositions- und Textskizzierungen sowie Cover-Gestaltung") – und kam dann zu dem Ergebnis, es handele sich gar nicht um einen Betriebs-, sondern um einen privat genutzten Raum. Der sei nämlich "wie ein Wohnraum eingerichtet", und seine betriebliche Nutzung habe der Musiker "lediglich behauptet, aber nicht nachgewiesen". So stehe auf seiner Nutzungsliste zum Beispiel, in dem Raum habe ein "Pressetermin inkl. Fotozession und Interview" stattgefunden: Deren "betriebliche Bedeutung", so das Amt, "erscheine zweifelhaft" – ebenso wie eine Besprechung mit zwei Dienstleistern "bezüglich der Interneteinrichtung". Und sogar die Vorbereitung von Konzerten zusammen mit anderen Musikern in diesem Raum sei "als privat veranlasst einzustufen", meinte das Finanzamt. Falls er den Raum aber doch beruflich genutzt haben sollte, dann handele es sich um ein häusliches Arbeitszimmer, dessen Kosten nur bis zur Höhe von 1.250 € im Jahr als Betriebsausgaben anerkannt würden.

Soweit der übliche Wahnsinn, wie ihn Selbstständige im Kontakt mit dem Finanzamt leider oft erdulden müssen. In diesem Fall allerdings erhob der Musiker Klage vor dem Finanzgericht Niedersachsen – und das Finanzamt ging mit Pauken und Trompeten unter. Das Finanzgericht nämlich hielt es keineswegs für ungewöhnlich oder gar unglaubwürdig, wie viele Räume der Musiker beruflich nutzte und wie er das tat. Es ging einfach von der Nutzung, wie der Musiker sie aufgelistet hatte, aus und stellte auf dieser Basis fest, dass es sich bei dem "Kreativraum" um einen Betriebsraum handele, dessen Kosten in voller Höhe Betriebsausgaben seien. Für ein "häusliches Arbeitszimmer", in dem laut Definition vor allem "Arbeiten gedanklicher, schriftlicher oder verwaltungstechnischer Art" erledigt werden, fehle es dem Raum schon an der typischen Ausstattung mit Schreibtisch, Regalen und Bürogeräten; außerdem sei der Raum vom privaten Bereich des Hauses durch seinen eigenen Eingang abgetrennt. Gegen eine umfangreiche private Nutzung spreche auch, dass "für private Wohnzwecke . . . im Haus hinreichende weitere Räume vorhanden (seien), nämlich Wohn- und Schlafräume nebst Küche und Essbereich sowie Feuerstellen", darunter sogar "ein gemütlicher Kaminofen". Und auch von seiner Einrichtung her "mit 25 – 30 Sitzgelegenheiten, überwiegend Sessel, ist der Raum für ein gemütliches Zusammensein unter Eheleuten eher unpassend", gab das Gericht dem Finanzamtes abschließend noch einen mit. Woraus folgt: Von solchen nassforschen Dreistigkeiten eines Finanzamtes sollte sich niemand kirre machen lassen. Die Gerichte schauen da schon etwas genauer hin (zumindest manchmal).

Das Urteil des Finanzgerichts Niedersachsen (Aktenzeichen 1 K 272/10) vom 31.5.2012 ist inzwischen rechtskräftig.

(27.02.2013)

Verweise zu diesem Artikel:
Das Urteil im Volltext
Der mediafon-Ratgeber zum Raumkosten als Betriebsausgaben

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